Fahrt nach Kuba, 16.3.10 – 23.3.10
Dienstag, Mittwoch, 16.3. – 17.3
Das massangefertigte Teil für die Sturmfock hat Martin Ende Januar von der Firma Weibel in Balgach anfertigen lassen. Sie haben keine Mühe gescheut und das Teil innerhalb von wenigen Tagen hergestellt. Norbert hat das Paket am 8. Februar abgeschickt.
Am Dienstagmorgen können wir endlich das Päckchen beim Business Point abholen. 5 ½ Wochen war es mit der lieben alten Post auf der Reise von der Schweiz bis nach Philipsbourg! Für die ca. 10 km von der Hauptstadt bis zum Yachtzentrum hat es nur schon 6 Tage gebraucht, d.h. es ist 5 Tage unberührt auf der Post in Philipsbourg gelegen! Shrimpy unser eigentlicher Paketempfänger hat am Montag gemeint, wir können es ja selbst in die Hand nehmen und die Verantwortung gerne abgegeben. Erfreulicherweise hat die Dame beim Business Point, namens Blondie, sich dann richtig ins Zeug gelegt. Nachdem sie am Telefon den Postbeamten Dampf gemacht hat, verspricht sie Martin, dass das Paket am nächsten Morgen da sei. Eine dunkelhäutige Wasserstoffblondine, ein Wort? Jawohl, es hat geklappt. Auf dem Päckli ist übrigens übergross EXPRESS gestanden. Zu blöd, dass wir nicht schon letzte Woche an Blondie weitergeleitet wurden, sondern von Shrimpy nur immer wieder auf den nächsten Tag vertröstet wurden.
Sobald Martin das Teil für das Sturmfockfall am Mast montiert hat, es passt perfekt, verlassen wir die Simpson Bay.
Es kümmert uns wenig, dass wir den ersten Nachmittag und die erste Nacht motoren müssen. Hauptsache weg von diesen anderen Lahmärschen! 1 ½ Wochen warten nagt auch im Ferienparadies ziemlich an den Nerven.
Während der Fahrt entdecken wir drei kleine Wale, die sich aber als wir näher ran wollen, abtauchen. In der Nacht beleuchtet das fluoreszierende Plankton die Wellen auf der Seite und am Heck. So hell haben wir dies noch nie gesehen. Die Nacht ist sternenklar und gegen den Morgen sehen wir sogar das Kreuz des Südens. Die Welt ist wieder in Ordnung.
Noch besser kommt es, als wir sogar den Parasailor setzen können. Der Mittwoch geht als Easy-sailing-Tag in die Geschichte ein. Kaum Wellen, gerade genug Wind um den Parasailor zu fahren. In diesen Verhältnissen ist es eine Freude auf dem Vordeck zu liegen und zu lesen, auch das Kochen ist ein Klax. Auf unserer Seite ist auch der Strom. So machen wir trotz gemütlicher Fahrt ein Etmal von 116nm.
In der ersten Nacht sind wir der Insel St. Croix entlang gesegelt, in der zweiten ist nun Puerto Rico an der Reihe. Vor allem in der Nacht können wir das AIS gut gebrauchen. Nun wissen wir genauer wer unseren Weg und wie schnell er diesen kreuzt. Sea Cloud, Sea Princess, Carnival Dream, …. was für schöne Kreuzfahrtschiffsnamen! So wie die (oder ihre Passagiere) manchmal aussehen, hätten sie doch eher Namen wie Ozeankoloss oder Meerestussi verdient.
Donnerstag, 18.3
Am Abend frischt der Wind auf und wir segeln nur noch mit der Genua. Zwischen Puerto Rico und der Dominikanischen Republik liegt die Mona Passage. Viele Frachtschiffe passieren uns darum in der Nacht. Wo die wohl hin wollen? Panama, Venezuela, ….. ? In der Nacht gewittert es in der Ferne. Wir sehen einiges Wetterleuchten. Beim Schichtwechsel krabbelt oder fliegt etwas Schwarzes über den Kühlschrankdeckel. Martin konnte es nicht genau erkennen, weil er die Brille noch nicht auf hatte. So war’s vielleicht eine Fruchtfliege und keine gefürchtete Kakerlake. Zur Sicherheit haben wir die Kakerlakenfallen, die so genannten Hotels mal einladend dorthin verschoben.
Freitag, 19.3
Der Wind hat gedreht. Wir segeln halb am Wind mit Gross und Genua. Das GPS zeigt nun an, dass wir unterhalb der Dominikanischen Republik hindurchsegeln. Die Entfernung zur Küste ist aber leider zu gross, als dass wir das Land erkennen können. Am Nachmittag reisst der Ring der Masthalterung des Spibaums auf einer Seite aus, weil wir den Spibaum falsch runterlassen. Das ist blöd, denn Martin hat den Halbring schon einmal mit Epoxy und Fasern geflickt. In Mc Gyver-manier, mit Epoxy und Klebeband versucht Martin den Ring wieder zu fixieren. Während des Trocknens segeln wir nur mit dem Gross weiter. Der Speed ist in etwa der gleiche, wir werden aber etwas intensiver in den Schlaf gewiegt.
Samstag, 20.3
Hispanola nennt man die Insel, die aus Haiti und der Dominikanischen Republik besteht. Unsere Route verläuft nochmals den ganzen Tag südlich der Insel. Weil es so dunstig ist, können wir das Land wieder nicht sehen. Doch fürs Gefühl reicht das Bildchen auf dem GPS aus, dass man Land in Nähe hat. Hätte man das GPS und die Karten nicht, könnte man heute nämlich glauben, dass wir mitten im Atlantik sind. Hohe Wellen, viel Wind, 6 -7 kn Speed, gleiche Wolken, keine Schiffe, keine Vögel, Ravioli…. Alles stimmt überein. Die Karibische See zeigt in vollen Zügen was sie drauf hat.
Wir fahren übrigens mit ausgebaumter Genua. Ein Hoch auf meinen Mc Gyver und sein Epoxy!
Bevor es eindunkelt, entdecken wir Land. Eine kleine Insel im Süden der Dominikanischen Republik schaut wie ein Schildkrötenpanzer aus dem Wasser. Der Wind erreicht über die Nacht das Maximum. Wir lösen uns in 3 Stunden schichten ab. Diese Nacht ist es draussen im Cockpit so rau, dass der Wachhabende sich auch in den Salon verzieht. Die Schotten sind zu, nur das Luk ist noch offen. Alle 15 min schlüpft der Wachhabende nach draussen und macht den Rundumblick. Zu viel Schlaf kommen wir beide nicht. Denn die Bewegungen sind echt unangenehm, es wirft einen regelrecht von einer auf die andere Seite.
Bei einem Schichtwechsel entdeckt Martin wieder die Kakerlake vom Vortag. Krxxx! Ich habe sie aufs erste Mal erwischt. Wir bleiben locker, für einen Hysterieanfall sind wir einfach zu müde. Eigentlich hätten wir sie vor dem Todesstoss noch ausquetschen müssen, woher sie käme. Ist sie eine Einzelgängerin oder tritt bald eine Horde zum Gegenangriff an? Wir vertrauen auf die neu aufgebauten Hotels.
Sonntag, 21.3.
Es stürmt wie eh und je. Beim Kochen ist die Balance wichtiger als die Kochkunst. Es gibt alt Bewährtes. Zum Zmorge ist es Rührei mit Speck und am Mittag eine gewagte Kombination der Resten von gestern, Ravioli und Gemüsecurry an Kokosmilch. Am Nachmittag sehen wir von weitem eine schwarze Dampfwolke die auf uns zu kommt und das AIS zeigt uns an, dass der Frachter wirklich auf Kollisionskurs ist. Martin funkt die „Stadt Berlin“ an und man einigt, sich Port an Port zu passieren. Es ist dennoch ziemlich knapp geworden!
Wir haben nun Blick auf die Küste von Haiti. Es ist ein unangenehmes, seltsames Gefühl daran vorbeizusegeln und zu wissen, dass diese Menschen so krass vom Schicksal getroffen wurden. Man wird sich dabei des eigenen Glücks ganz intensiv bewusst.
Montag, 22.3
Es ist eindrücklich wie schnell sich die Verhältnisse ändern können. Am Morgen ist der Wind nämlich weg. Wir schalten den Motor ein. Da wir die letzten Tage viel Tempo gemacht haben, müssen wir den Motor nicht auf hohen Touren fahren. Der Wassermacher füllt alle unsere leeren Petflaschen und wir geniessen die ruhig gewordene See und kühlen uns mit einem Sprung ins Wasser ab. Nach Kuba darf man keine frischen organischen Produkte einführen. Aus dem restlichen Knoblauch und den getrockneten Chilis entsteht ein Pizza-Öl. Eier, Schinken, die restlichen Zwiebeln gehen heute Abend mit Spaghetti Carbonara weg. Den letzten frischen Apfel sparen wir noch für morgen.
Am Nachmittag kommt Wind von vorne auf. Der Blick aufs GPS lässt einen erstarren. Die Logge zeigt zwar 4 kn an, doch ein Gegenstrom bremst uns dermassen ab, dass wir nach GPS nur noch mit knapp 2 kn vorwärts kommen. Gestern waren wir zuversichtlich, dass wir am Dienstagmorgen in Kuba ankommen können. Doch mit diesem Gegenstrom wird es eher Mittwochnacht. Martin tankt mit dem Reservekanister den Tank nach. Jetzt ist es aber noch zu früh um mehr Gas zu geben. Das Meer ist ganz kabbelig. Der Schwell rollt von hinten an, Strom und Wind von vorne. Etwas später beginnt es sogar noch zu regnen. Martin macht das einzig Richtige und zieht sich mit dem I-pod in die Koje zurück. Ich tippe das Tagebuch und hoffe, dass der letzte Satz des Tages der gleiche ist wie der erste.
Kurz vor dem Eindunkeln zieht eine Wolkenwand auf. Eine Windhose scheint direkt auf uns zuzusteuern, weshalb wir sofort die Segel bergen.
Doch plötzlich scheint alles wie eingefroren, die Wolken beginnen sich sogar wieder aufzulösen. Der Wind wechselt auf West und wir können angenehm Halbwind segeln, wenn nur der Gegenstrom wäre. Aus 5 kn Geschwindigkeit wird so 2.5. Über die Nacht gibt es alles: Flaute, Motorsegeln, Segeln und Wind aus allen Richtungen. So wären wir wieder beim ersten Satz.
Dienstag, 23.3
Am Morgen frischt der Wind von vorne so stark auf, dass wir mit dem Motor nicht mehr dagegen ankommen. Wir setzen die Segel und es geht besser vorwärts, weil zu unserem Glück der Strom auch etwas nachgelassen hat. Leider haben wir über die Schichtwechsel die offene Luke vergessen und es schwappt mehr als ein Kübel Wasser in die Bugkabine. Wird man so belohnt, wenn man aufgeräumt hat!
Der Schlussspurt wird zum Geduldspiel. Der Wind wendet sich zwar in die richtige Richtung, doch unsere Geschwindigkeit zum Ziel fällt unter 2.5 kn. Nein, am Abend wollen wir nicht ankommen. Darum schalten wir den Motor ein und mit direktem Kurs geht es nun nach Santiago de Cuba.