Fahrt in die Bahamas, 11.4.10 – 14.4.10
Sonntag, 11.4.10
Das Wetter entwickelt sich nach Gribfile zum Guten, Zeit aufzubrechen! Hier in Kuba ist das wieder etwas komplizierter als nötig. Die Abfahrt muss man 24 Stunden zuvor anmelden und kurz bevor man aufbricht stöbert nochmals der Zoll durchs Boot. Eigentlich wären wir um 12 Uhr bereit, doch der Zoll lässt auf sich warten. Zwei Boote hat er zwar heute schon ausklariert, uns scheint er vorerst vergessen zu haben. Der Aufbruch danach ist speziell. Die Norweger, Schweizer und Briten hupen uns mit ihren Hörnern nach. Wir haben das Cabo Maisi, ein berühmt berüchtigtes Kap bei Seglern vor uns. Dieser Abschied bringt sicher Glück.
Ausserhalb der Bucht zieht der Wind sofort an. Es bläst wieder einmal stärker als angesagt und dummerweise hat sich das Grib auch in der Windrichtung getäuscht. Für uns heisst das Aufkreuzen anstatt am Wind segeln. Einen kurzen Moment denken wir noch an die Rückkehr, doch mit Kubas Bürokratie wollen wir uns nicht anlegen. Womöglich müssten die uns wieder neu einklarieren!
Je länger wir segeln, desto unangenehmer werden die Wellen. Ranja knallt öfters mit voller Wucht ins Wellental und wir haben viel Lage. Das Grosssegel ist bereits im dritten Reff und die Genua mächtig eingerollt, als der Wind noch mehr auffrischt. Wir kriegen also die Gelegenheit die Sturmfock zu setzen. Zum Glück haben wir das Ganze schon mal bei einfachen Verhältnissen durchgespielt. Beim Setzen des Falls löst sich allerdings der Schnappschäkel am Kopf des Segels. Martin kann das Fall gerade noch frühzeitig fassen. Beim zweiten Versuch löst sich der Schäkel wieder, diesmal viel weiter oben und das Fall baumelt auf Höhe der ersten Saling. Martin versucht alles um das Fall mit dem verlängerten Enterhaken noch zu erwischen, doch das Fall lässt sich nicht erreichen, auch weil er wegen des starken Windes den Enterhaken kaum noch aufrecht halten kann.
Nach dieser Anstrengung muss sich Martin mehrmals übergeben, worauf wir beidrehen und eine Weile ausruhen. Wir wissen nicht warum sich der Schäkel lösen konnte, es ist derjenige, den wir zuvor für die Fock genutzt haben und immer gehalten hat. In Zukunft werden wir die Fallen nur noch direkt an die Segel knoten.
Nach einer Weile lässt der Wind soweit nach, dass wir wieder die stark eingerollte Genua setzen können.
Gestärkt mit Pasta und Pesto geht es in die Nacht. Beide verharren wir im Salon und nur für den Rundumblick schlüpft einer von beiden nach draussen. Zu Schlaf kommen wir kaum, da die Wellen lautstark gegen den Rumpf knallen. Viele waschen auch mit derartiger Wucht über das Deck, so dass Wasser durch die Lüftung eintritt. Plötzlich schrecken wir auf, weil es unheimlich rumpelt. Sind wir kollidiert? Nein, bei der Wucht, mit der die Wellen auf den Dug und Anker knallen ist der Bändsel mit dem der Anker in der Bugrolle fixiert ist, gerissen. Der Anker hält nun lose an der Seite und verursacht diese ungeheuren Geräusche, da er immer wieder von den Wellen an den Rumpf geschlagen wird. Martin hechtet sofort nach vorne und bringt wieder alles in Ordnung. Der Anker wird nun mit 5 starken Bändseln gesichert. Auf dem Vordeck herrschen Bedingungen wie in einer Waschmaschine. Martin wird regelrecht durchgespült. Zu seinem Glück ein lauwarmer Waschgang, das Wasser 27° warm.
Der Blick auf das GPS fällt am Montagmorgen ernüchternd aus. Viel Arbeit, kaum Ertrag. Aufkreuzen bei so viel Wind, Wellen und Lage bringt nicht viel Strecke Richtung Ziel. Zum Glück lässt der Wind während des Tages etwas nach und wir kommen mit immer mehr ausgerefften Segeln etwas besser voran. Erst in der Nacht müssen wir wieder ins dritte Reff und dementsprechend ist diese Nacht auch nicht die gemütlichste. Ein Wolkengebilde macht uns zudem ziemlich Sorgen. Im Innern der Wolke zucken mehrere Blitze pro Sekunde, Donner hören wir keinen. Es kommt uns vor wie ein Stroboskop in einer Disko. Dieses Wolkengebilde verlagert sich drohend in unsere Fahrtrichtung. Es findet zwar nur selten ein Blitz aus der Wolke auf den Grund, aber trotzdem trauen wir uns nicht weiter zu fahren. So drehen wir nochmals bei und warten ab. Wir sitzen bzw. liegen wie auf Nadeln im Salon. Erst nach eineinhalb Stunden können wir aufschnaufen, denn die Energie scheint verpufft und die Wolke ist beinahe verschwunden.
Am Dienstagvormittag sind wir endlich auf Höhe des gefürchteten Cabo Maisi. Wellen und Wind sind unerwartet angenehm und wir bringen die heikle Passage gut hinter uns. Leider zeigt das neu heruntergeladene Gribfile eine starke Windzunahme vor allem im Bereich von Long Island an. Das ist dort wo wir eigentlich hinwollen. Uns ist schnell klar, dass wir unsere Pläne ändern müssen, nochmals zwei bis drei Tage aufkreuzen, das können wir uns und Ranja nicht antun. Zwar müssen wir nach Great Inagua auch aufkreuzen, doch die 60 nm scheinen uns machbar, bevor der Wind weiter auffrischen wird. Die 150 nm nach Long Island würden wir nicht rechtzeitig bewältigen.
Wir haben uns zwar langsam an die Verhältnisse des Aufkreuzens gewöhnt. Das Leben in
Schräglage braucht eindeutig mehr Energie. So sitzen nun die Griffe um sich durch den Salon oder ins Cockpit zu hangeln oder man weiss wie man sich im WC, im Bett oder in der Küche verkeilen muss. Trotzdem sind wir froh, als wir am Mittwochnachmittag in Great Inagua ankommen. Der Ankerplatz ist zwar nicht der ruhigste, erfüllt aber eindeutig seinen Zweck. Wir kommen zu Ruhe.